DAZ 55 Open Source Hardware

DAZ 55 Open Source Hardware

In Abenteuer Zukunft am 07.08.2008 von Stephan Magnus

Hardware on demand? Klar, produzieren Sie doch einfach im Nanobottich in der Garage

DAZ 55 Open Source Hardware

Die heutige Sendung basiert zu großen Teilen auf Feedback meines Hörers Reinhard Römer aus dem östlichen Österreich im Dreiländereck Österreich, Tschechien und der Slowakei.. Er ist ein treuer Helfer, der meine Themen aufnimmt und überall nach Weak Signals sucht, also nach den Entwicklungen die zeigen, dass erste Elemente aus Zukunftsvisionen zu uns in die Realität kommen. So ergänzt er ideal meine eigene Arbeit auf der Suche nach den wildesten Entwicklungen, die dann Sie liebe Hörer in den Podcasts präsentiert bekommen. Ähnliche Beiträge von Ihrer Seite sind hoch willkommen.

Reinhard hat mir einige Weak Signals geschickt, die sich mit Personal Production und Open Source Hardware beschäftigen. Dies ist die allgemeinere Formulierung für einen Dauerbrenner aus meinen Podcasts: Der Personal Fabricator in ihrer Garage, der – auf Nanotechnologie basierend – alles bei Ihnen zuhause herstellt, was sie haben wollen, egal ob Handies, Steaks oder Autos. Der Plan und der Starterset stammen aus dem Internet, entwickelt in weltweiter Zusammenarbeit von jedem, der halt eine Idee zu Handies, Steaks oder Autos hat. Eine der gigantischen zukünftigen Revolutionen unseres Wirtschaftssystems.

Wir erinnern uns: Wieso sind diese Personal Fabricator Sachen so relevant? Wieso ist das mehr als ein technisches Detail für Ingenieure? Wieso lohnt es sich auch für Leute, die mit Technik nicht soviel am Hut haben, dies in ihre Zukunftsperspektive einzubeziehen?

Es verändert total unser Paradigma, wie Dinge erstellt, erworben und zu Ihnen gebracht werden. Bisher ist das geprägt von den Strukturen der industriellen Revolution, von zentraler Produktion, einheitlichen Produkten mit teurer Entwicklung und teurer Vermarktung. Ebenso die Energieversorgung wie das Benzin, was wir ja gerade alle heftig zu spüren bekommen.

Könnten wir die Produkte unserer Wahl bei uns zuhause herstellen, oder vielmehr herstellen lassen, als eine Kombination von Personal Fabricator mit Long Tail, würde das alles ändern. Sie brauchen dann keine große Firma mehr, sondern nur irgendjemand auf der Welt, der ihnen den Blueprint für so ein Produkt gibt. Wie beim Long Tail üblich, selbst wenn nur eine Person auf der Welt sich dafür interessiert, etwas als Produkt zu erhalten, was nur von einer anderen Person entworfen wird, kann über die globale Vernetzung ein Geschäft entstehen. Was alle anderen wollen, ist ihnen egal. Sie bekommen direkt aus der heimischen Garage was Sie wollen.

Mit entsprechenden Folgen für den Rest der Welt. Keine Bestseller mehr auch bei den Hardware-Produkten wie Maschinen oder Autos. Keine zentralen Produktionen und Fließbänder mehr, keine enorme Relevanz von Lohnkosten mehr. Keine Containerschiffe mehr vom anderen Ende der Welt.

Was neben den Entwicklern der Ideen alleine oder als open-source-team und den erstellern der blueprints vielleicht noch eine Zukunft hat, sind Leute oder Portale, die den Menschen zuhause an ihren Computern und Nanofabrikations-Bottichen eine gute Beratung geben, was sie wie designen, um ihre Wünsche zu erfüllen.

OK, jetzt gibt es aber noch keinen Personal Fabricator, keinen Nanobottich. Passiert das den irgendwann demnächst? Oder sonst müssten wir uns ja noch nicht groß Gedanken drum machen. Macht ja die Politik auch nicht. Alle Zukunftsplanungen dort wirken ja so, als würde alles weitergehen wie bisher. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Zurück zur Personal Fabrication. Was gibt es schon?

Hier kommen die Weak Signals zum Tragen. Da gibt es zum Beispiel die Firma Bug Labs in New York, die sich mit Personal Devices auf eine ganz neu Art beschäftigen. Personal Devices also so Sachen wie Handies, PDAs, Navigationssysteme, in Zukunft vielleicht Getränkesyntheziser oder mobile Beam-Einheiten, OK, Sie wissen was für Dinger ich meine.

Bug Labs meint, dass die einzelnen Bestandteile solcher Geräte ja entwickelt und allgemein verfügbar sind, also wieso sollte sie jemand anderes für uns zusammensetzen und das vielleicht in einer Kombination oder in einem Design wie wir es nicht mögen?

Schließlich, als Kinder haben wir ja neue Spielzeuge als allererstes auch auseinandergenommen und dann ähem ungewöhnlich wieder zusammengesetzt. Enforced Lego Principle oder so ähnlich. Ebenso betrachtet Bug Labs die Szene der Personal Devices als einen riesigen Baukasten und hat ein Stecksystem entwickelt, mit dem man aus bestehenden Teilen genau die wilde Gerätekombination zusammenbauen kann, die man jetzt gerade haben will.

Sie sprechen davon, dass CE, also Consumer Electronics, demnächst Community Electronics bedeutet und auch Hardware in einer Art Social Network in Einzelteilen entwickelt wird und von jedem zusammengesetzt, so wie in der Software-Industrie aus Standard-Objects maßgeschneiderte Software wird.

Wer in dieser Zukunft einfach nur ein Gerät entwickelt, was mit nicht anderem zusammenbastelbar ist, ist weg vom Fenster.

Bei Bug Labs sind das im Moment noch nicht viele Teile und die sind ziemlich teuer, aber was solls. Es dreht sich ums Prinzip und das zeigt die Richtung einer ganz neuen Art Produkte zu erstellen. Und noch ganz ohne Nanotechnologie.

Der Unterschied ist nur, dass es mit open source hardware im Moment noch nicht so ist wie bei der Software, dass diese einmal entwickelt, beliebig oft zu fast keinen Kosten dupliziert werden kann. Genau das würde sich eben durch die Nanofabrikation ändern. Viele Produkte in dem Bereich sind im Moment Zwischenschritte, wie dass sie nicht das Gerät umbauen können, aber die Software immer neu programmiert und aufgespielt werden kann, und diese Software wird opensource entwickelt.

Aber schon da gibt es automatisch weitere Schritte, macht sich manches im Netz selbstständig. OpenMoko z.B., ein Unternehmen aus Taiwan entwickelte z.B. ein Handy mit einem open-source Handy-Betriebssystem. Das Handy war nicht mir WIFI ausgestattet, weil es schwierig war, an die Chips dafür zu kommen. Aber da OpenMoko open source entwickelte und die Pläne damit den begeisterten Nutzern zugänglich waren, beschlossen die, dass sie wirklich Wifi wollten und organisierten den passenden Chiphersteller selbst. Da sparen Sie eine Menge bei Marktforschung und Beschaffung. Im Kern alles, da Sie das nicht mehr brauchen.

Aber diese Anfänge sind wirklich nur das, der Anfang. Accenture vergleicht die Situation mit den frühen 80ern, als die Konsumenten auch noch versuchten herauszufinden, was sie mit der Macht anfangen konnten, die ihnen durch den PC gegeben war. Jetzt bekommen die die Macht, ihre eigenen Geräte flexibel aufzubauen, mal sehen wohin das führt. Wir alle wissen ja, was der PC-Industrie wurde. Und genauso wie die PC-Industrie einen Computer auf jeden Schreibtisch, in jeden Haushalt bringen wollte und gebracht hat, wird die Zukunft Produktion zuhause, Entwicklung im globalen Netz sehen.

Die selbst produzierte Materie könnte natürlich auch über Handies hinausgehen. Im Moment wären viele sicherlich eher beglückt eine eigene Tankstelle in der Garage mit angegliederter Ölquelle im Hintergarten zu haben.

Gibt es doch alles schon . . .

Im aktuellen Angebot ist z.B. der Efuel100 Microfueler , der Werbung nach, earths first home ethanol system. Sieht aus wie eine Zapfsäule, sie gießen Wasser und Zucker und ein bisschen Spezialhefe rein, warten 20 Stunden und zapfen den Ethanol für ihr Auto ab. Ist im Endeffekt eine High-End-Distille. Damit übertragen Sie das Prinzip, das sie schon vom Brotbacken zuhause mit Backmischung kennen auf die Benzinproduktion. Da rufen Sie dann ihrem Ehepartner aus der Küche zu.

„Hey Liebling, ich backe gerade noch das Dreikornbrot und dann braue ich noch das Benzin für die Urlaubsfahrt morgen.“

Bei diesem Beispiel macht die Heimproduktion meiner Ansicht nach keinen Sinn. Man verlagert die Abhängigkeit vom Öl auf den Zucker, produziert ineffizient und sicherlich nicht notwendigerweise ökologisch und was machen Sie wenn Sie in einem Hochhaus wohnen?

Das Ding kostet 10.000 Dollar, sie müssen ständig Zucker, Hefe usw. kaufen, verbrauchen Wasser und Strom. Das rechnet sich kaum.

Außerdem hat in einem Diskussionsforum ein Teilnehmer sehr weise angemerkt, dass es bestimmt demnächst unter Strafe gestellt wird, solche Dinger zu benutzen. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder seine Sachen zuhause produzieren würde und dem Staat die ganzen Steuern entgehen würden?? Hehe, das wäre zu klären.

Also nix mit der Ölquelle zuhause und ihrem Reihenhaus ala Klein-Dubai.

OK, aber es diente nur dazu, das Prinzip zu zeigen, was alles möglich ist, in welche Richtung man denken kann.

Außerdem, wer weiß? Wenn wir uns via Gentechnik noch ein paar schnuckelige Bakterien-Haustiere züchten, die so ziemlich alles was in unseren Haushalten an zu entsorgendem anfällt direkt in irgendwetwas umbastelt, was unser Auto verwerten kann? Vielleicht wäre dann doch auch etwas aus dem Treibstoff selbst produzieren Modell zu machen. Und die neusten Baupläne für Bakterien-Haustiere holen Sie sich wieder aus dem Open Source Net.

Zum Personal Fabricator, der Open Source Bewegung und dem Long Tail gehört eine weitere Bewegung, die es zwar im Prinzip auch ohne Internet gibt, aber wie so oft durch das Internet zu besonderere Blüte gedeiht: User driven Innovation.

Dabei wird der normale Innovations- und Entwicklungszyklus umgedreht. Nicht ein Unternehmen entwickelt die neuen Produkte und Endnutzer können ggf. schüchtern ein paar Verbesserungsvorschläge machen, nein die Ideen und Produkte werden direkt von den zukünftigen Usern ausgetüftelt, mit mehreren angenehmen Nebeneffekten. Sie als Unternehmen haben nicht mehr so viel Arbeit, die Kunden bekommen genau was sie wollen, Probleme mit der Vermarktung gibt es auch nicht mehr, schließlich weiß im Netz jeder der es wissen will, was da entwickelt wurde.

User Driven Innovation passt gut zum von mir in den Neunzigern entwickelten Intracommerce-Konzept, das auch sagte, das Informationsströme hauptsächlich von außen ins Unternehmen fließen müssen und nicht umgekehrt.

User Driven Innovation ist eine von Eric von Hippel geprägte Bezeichnung. Er ist Professor am MIT in der Sloan School of Management und Autor des Buchs Democratizing Innovation. Und sein Konzept erklärt auch wieso sich viele mit der Kreuzung aus Personal Fabricator und Open Source so schwer tun.

Er meint, dass Open-Hardware-Geschäftsmodelle so schwierig zu verstehen sind, weil sie die Welt des Üblichen auf den Kopf stellen. Sie verwandeln Benutzer und Kunden in Product Development. Und so müssen sich Unternehmen Gedanken machen, was sie den da plötzlich für neue Mitarbeiter haben und was deren Motivation ist.

Hippel meint, die Innovation würde sich sozusagen selbst bezahlen, da die Menschen motiviert wären, das für das Unternehmen zu tun. Wieso?

Nun, jeder denkt sich „Ich bekomme tolle Sachen für mich, besseres Design und habe Vorteile“. Und wir sehen ja in den Social Networks und in der open source bewegung, dass das stimmt. Die Leute leisten erstaunlich viel freiwillig und ohne Zahlung. Wieso also nicht die eigenen Produkte designen. Rück beiseite Stardesigner. Wir übernehmen das Steuer.

In meiner Arbeit stelle ich immer wieder fest, wie schwer sich gerade viele Unternehmen mit den neuen Kommunikationssitten des Internet tun. Draußen im Internet sind ja Kunden und mein Gott Wettbewerber. Da kann ich doch nicht offen über meine Pläne, Ideen, Probleme reden. Nur, das tun die da draußen eh. Die Frage ist nur, ob man daran teilnimmt oder nicht. Da draußen sind Millionen von Menschen, die begierig sind, die Produkte des Unternehmens zu verbessern oder gleich selbst zu erfinden. Da sind Kunden die Lösungen für meine Probleme wissen. Und die organisieren sich global schneller als wir im Unternehmen brauchen, um am Konferenztisch Platz zu nehmen.

Es dreht sich immer weniger darum, etwas still im Kämmerlein zu entwickeln, möglichst lange geheimzuhalten und dann mit großem Marketingaufwand in den Markt zu drücken. Soviel Innovationspower im Unternehmen kann man gar nicht mehr bezahlen. Und die Geschwindigkeit auch kaum erreichen. Es dreht darum, sich nach außen dem Netz zu öffnen, die Ströme an Wissen und Ideen, die Communities erzeugen, anzuziehen und zu bündeln, und Portale zur Verfügung zu stellen, in denen sich die Menschen zunehmend selbst ihre Produkte entwickeln. Open up or die.

Und so eine Unternehmenskultur wird auch kein Problem haben in einer Welt, in der unsere weak signals von heute zu einer großen Bewegung geworden sein werden.

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Dauer: 10:22 Minuten
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