Peripheral Vision: Detecting the Weak Signals That Will Make or Break Your Company: Seven Steps to Seeing Business Opportunities Sooner
Verlag: Mcgraw-Hill Professional
Preis: EUR 26,59
Sonstiges:
Manchmal muss man mit einem ganz anderen Blick auf Dinge sehen, um das Entscheidende zu erkennen. Manchmal muss man sogar schielen und danebenschauen, um richtig zu sehen.
Wie kann man die kleinen Veränderungen in unserem Umfeld erkennen, die die großen Wellen der nächsten Jahre ankündigen? Denn, wir erinnern uns:
Die revolutionären Entwicklungen, die zu Umwälzungen führen, sind immer schon mindestens zehn Jahre erfunden, wenn sie „plötzlich“ durchschlagen.
D.h. der Treiber des nächsten Boom ist schon lange da, wir müssen ihn nur erkennen, wahrnehmen. Und: Es ist eigentlich nie, was schon etabliert ist.
Wenn wir jetzt also die Zukunftstrends auf Internet, Smartphones und Clean Technology aufbauen, sind wir genau in die klassische Falle getappt. Wir bewerten die letzten, aktuellen Erfahrungen und Informationen über und sind in unserer Wahrnehmung beschränkt durch das, was uns erfolgreich gemacht hat. Und so sind Delphi-Studien von Experten selten aufschlussreich über die Zukunft, da Experten gefangen sind in ihren Erfahrungen, ihren Glaubenssätzen über die Branche und ihre Mechanismen. Ihre Erfolge werden in die Zukunft linearisiert. Und Trendforscher schreiben in der Regel über die Sachen, die schon jeder in der Zeitung nachlesen kann, schließlich können sie sonst die Studien und Trendberatungen nicht verkaufen. Etwas was keiner kennt, fragt auch keiner nach.
DAS HEISST: Wollen wir wirklich etwas darüber erfahren, was Radikales passieren könnte, auf welche Welle wir rechtzeitig aufspringen könnten, müssen wir uns vom Normalen, Bekannten, freimachen. Das ist der erste Schritt, selbst vor Weak Signals und Radar-Systemen. Die Fähigkeit und beständige Gewohnheit, die feinen Veränderungen wahrzunehmen, die den Keim für etwas Großes in sich tragen. Und diese Veränderungen sieht man nur am Rand, in ungewohnten Gebieten, im Fringe und wenn man einmal ganz anders hinschaut.
Bei Zukunftsforschern bürgert sich dafür der Begriff Splatter Vision ein, ursprünglich vom FBI eingeführt. Denn stellen Sie sich einmal die Situation vor, wenn Polizisten eine größere Menschenmenge beobachten sollen und Anzeichen für potentielle Gewalttäter erkennen wollen. Zu genau und zu normal dürfen sie da nicht hinschauen, denn dann wird man eingefangen von der blanken Menge und von den offensichtlichen Dingen, besonders auffallenden Menschen, den lautesten, den buntesten. Oder man wird eingelullt von der Normalität, wie halt so eine Menschenmenge aussieht. Man muss einen sehr breiten, unfokusierten Blick haben, der aber sofort als Alarmsignal registriert, wenn sich irgendwo etwas ungewöhnliches Kleines tut, das aber das Potential hat, etwas großes zu werden, wie eben ein Anschlag.
Genauso wie bei der Zukunftsschau: Kleine Dinge am Rande, die das Potential haben, etwas Großes zu werden. Und das Bekannte einmal für eine Weile komplett übersehen, ignorieren. Und diese Splatter Vision kann man trainieren.
Schauen wir uns erst einmal an, wie das Polizei und Jäger machen, vielleicht trägt uns die Metapher weiter. Beginnen wir mit Splatter Vision in der Natur. Wie machen das die Jäger unter den Indianern? Für die dazugehörige Übung brauchen Sie freie Sicht zum Horizont, also amerikanische Prärie mit ein paar Büffeln. Ein Strand hier an der Algarve wo nix mehr kommt bis Amerika ist auch ganz gut geeignet. Also:
Hinstellen und auf den Horizont schauen. Einfach weit auf den Horizont schauen, nix Spezielles anschauen, sondern einfach so. Wenn dann der Blick ein wenig unscharf und fikkelig wird, dann sind das erste Anzeichen in die richtige Richtung. Jetzt immer wenn sich irgendwo was bewegt, fokussieren, analysieren was es ist, lecker Büffel oder so, und dann wieder weit schauen.
Nächste Stufe: Horizont anschauen, und jetzt strecken sie die Arme weit hinter sich, weiter als das Gesichtsfeld. Dann bewegen Sie sie langsam mit den Armen nach vorne, bis die erste Bewegung –nämlich die ihrer Arme/Hände bei ihnen seitlich im Gesichtsfeld auftaucht. Dann stoppen. So bekommen Sie ein Gefühl für die Ränder ihres Sichtfelds, für die Weite ihrer Wahrnehmung.
Trainieren Sie jetzt immer wieder, diesen weiten unfokussierten Blick über das gesamte Gesichtsfeld zu haben. Wenn Sie darin nach einiger Zeit wirklich der Crack sind, üben Sie dasselbe in der Bewegung, beim Gehen. Das kann man jetzt mit allen möglichen Submodalitäten aus dem NLP noch vertiefen, aber ich halte für besonders wesentlich, dass Sie sich bei dieser Übung das Gefühl merken, wie es ist, den ganzen offenen Horizont im Auge zu behalten und jede kleine Bewegung mit Abstand wahrzunehmen ohne sich gleich vom Trend direkt vor der Nase auffressen zu lassen.
OK, von den Indianern zum FBI. Da funktioniert das ähnlich: In die Ferne schauen, unfokussiert schauen. Einen allgemeinen Blick draufhaben. Dann wirkt selbst eine bewegte Menschenmenge wie etwas, was sich durchschnittlich schnell bewegt. Und deshalb fällt dann auf, was nicht Durchschnitt ist, jemand der sich etwas zu oft oder gar nicht bewegt, jemand der mehr rechts und links schaut als der Durchschnitt und so weiter. Auf den wird dann schlagartig zur Analyse fokussiert, wie auf den Büffel in der Prairie.
Zu den Zeiten als man noch nicht mit seinem Smartphone twittern konnte, habe ich mir das Warten auf großen Plätzen, z.B. auf einen Zug immer mit einer NLP-inspirierten Übung vertrieben, nämlich den Rhythmus von Leuten zu pacen. Wie schnell bewegt sich jemand, wie viele kleine Bewegungen pro Sekunden macht er. Welcher Takt? Ruckartig oder fließend? Und das einfach mal für sich nachzumachen, um sich in andere einzufühlen. Und irgendwie nach einiger Zeit versucht man das gesamte Geschehen auf dem Platz so wahrzunehmen. Und da sticht es dann natürlich sofort heraus, wenn sich etwas ungewöhnlich verhält. Gute und entspannte Übung für Splatter Vision und – nebenbei gemerkt – ein hervorragendes Training für Photographen.
In einem Unternehmen bedeutet diese Splatter Vision, neben dem Referenzgefühl, breit immer wieder die Entwicklungen der Welt wahrzunehmen und zu hinterfragen, und bei auffallenden Entwicklungen am Rand ein SWOT-Team daraufzujagen, das die Relevanz untersucht. Und gegebenenfalls den Büffel erlegt. Das kann übrigens – wie Schoemaker und Day in „Peripheral Vision“ schreiben – auch bedeuten, im eigenen Unternehmen anzufangen und herauszufinden, was für schräges Wissen dort so zu finden ist. Ein ideales Feld für Web 2.0 Anwendungen. Oder z.B. den Verkauf stärker einzubinden. Schließlich bekommen die da draußen, die eigenartigsten Entwicklungen und Ideen am schnellsten mit.
Wie schaffen es jetzt die guten Zukunftsforscher und Futuristen, die kleinen Ungereimtheiten im Bild in ihre persönliche Betrachtung zu rücken? Fringe zuzulassen? Eine sehr einfache Methode geht schon auf Buckminster Fuller zurück. Er meinte, dass er jedes Mal, wenn er Bahn fährt im Bahnhof ein Magazin zu einem Thema kauft, mit dem er bisher noch nie was zu tun hatte und das bei der Fahrt durchliest. Simpler Ansatz, auch vom Szenario Papst Peter Schwarz empfohlen. Ist ja eigentlich nicht wirklich Splatter-Vision wie wir das wollen, schließlich ist die Information schon so bekannt, dass es eine Zeitschrift darüber gibt.
Aber es dreht sich dabei um etwas Anderes. Nämlich, die Vielfalt der eigenen Wahrnehmung zu erweitern, mehr auf den Radar zu holen, zunehmend Vielfalt zu erkennen und die Menge an unterschiedlichen Ansätzen. Dass man nicht geistige Inzucht mit den eigenen Interessen und Vorlieben treibt. Ich mache das gelegentlich, gerade wenn ich am Frankfurter Hauptbahnhof ankomme, da gibt es eine extrem gut sortierte Bahnhofsbuchhandlung, wo ich immer nur wieder staune, über was es alles Zeitschriften gibt. Einfach nur einmal eine Weile in analogen Papier-Interfaces blättern erweitert schon unheimlich das Weltbild.
Bei Einsatz von Zukunftsforschungsmethoden bringen Unternehmen wie z.B. IDEO den Fringe-Faktor in ihre Studien, indem sie Leute in die Test- oder Forschungsgruppen mit einbeziehen, die entweder eh schon von der Gesellschaft als Randgruppen wahrgenommen werden oder zumindest mit dem Themengebiet überhaupt nichts zu tun haben. Einen Hauch Fringe brachte IDEO z.B. in das Projekt eines Schuhherstellers, indem sie Fußfetischisten mit ins Entwicklungsteam nahmen. Eine ähnliche Idee ist es bei Automobilherstellern, Mitarbeiter dazu zu ermutigen Autos anderer Marken zu fahren, um etwas über die Beweggründe von Menschen zu erfahren, die es wagen eine andere Marke zu kaufen als die eigene. Beides ist eigentlich noch nicht Fringe genug. Der Schuhhersteller müsste einen fanatischen Barfußgeher ins Team nehmen und der Automobilhersteller Fahrradfahrer. Immer aus der Motivation heraus, die Bewegung am Rande wahrzunehmen, die eigene Sicht radikal zu drehen.
Falls Sie so etwas demnächst in einem ihrer Projekte vorhaben, noch ein kleiner praktischer Tipp zur Durchführung. Passt nicht nur bei Fringe, sondern auch, wenn Sie z.B. Teenager in ihre Entwicklungsgruppe mit einbeziehen. Fragen Sie die Leute nicht zu ihrem Thema „Was meinen Sie dazu?“ Da kommt dann nämlich ziemlich sicher „Öh, keine Ahnung.“ „Weiß ich doch nicht“ oder „Find ich doof“ und damit nicht wirklich Zielführendes. Weiterführend ist mit dem Ansatz daranzugehen „Wie würden Sie ein konkretes Problem lösen?“ „Wie würden Sie das machen?“ und dann interessiert zuzuhören. Bringen Sie Fringe, Edge und Teeny zum Arbeiten.
Ein anderer Ansatz, die Wahrnehmung zu weiten, ist die Konfrontation mit dem, was mir am meisten missbehagt und was mir dieses Missbehagen sagt. Mein Bauchgefühl sagt nämlich in diesem Moment, dass es sich da um eine Bedrohung dreht, irgendetwas, das mich oder das was ich tue in Frage stellt. Und genau darin könnte der Ansatz für neue ungewöhnliche Ideen liegen, die mich auf die nächste Stufe katapultieren. Ich muss mich dabei nur neugierig fragen: Wie könnte ich es für mich drehen? Wie könnte ich das was mir nicht behagt oder was mich bedroht in das beste verwandeln was mir passieren konnte?
Konkrete Beispiele aus meinem Leben. Zu meinen Studienzeiten schrieben Mitstudenten ihre Diplomarbeit über – jetzt nicht lachen – die Möglichkeit der Werbung über Disketten. Und ich hatte dabei ein unbehagliches Gefühl, ich empfand diese digitale Variante als Bedrohung. Und heute bin ich einer der enthusiastischsten Vertreter des Einsatzes digitaler Medien im Business.
Oder der Zeitpunkt vor fünf Jahren, als ich sehr angenervt über den Trend zu Audio nachdachte und Hörbücher als Bedrohung empfand. Als ich das für mich drehte, kam Podcasting dabei heraus, was seitdem mein Hauptgeschäftsfeld ist.
Auch das schult und weckt permanent die Aufmerksamkeit für das Andere. Diese Haltung kann man systematisieren. Indem man sich regelmäßig fragt: Was könnte mich ersetzen? Welche Verfahren? Welcher Typ Unternehmen? Welche Entwicklung? Dieser Weg führt weg von den exisitierenden Wettbewerbern, dem Alltag, der Studie von Unternehmensberatern, dem Bekannten, und macht offen für Überraschungen am Horizont. Es ist ein Beispiel für aktives Scannen, also eine gezielte Frage an die Zukunft zu stellen, für die man ungewöhnliche Antworten oder Anregungen sucht. Kreativität liegt wie so oft vor allem in der Frage, nicht so sehr in der Antwort. Dann kann man dieses existenzbedrohende Gegenunternehmen entweder direkt selbst gründen, oder wenn man sich so stark in die Gedankenwelt des Anderen eingefunden hat, erkennt man die sich entfaltenden Entwicklungen schon in allerfrühester Ausprägung.
Ungerichtetes aktives Scannen. Mit dem Blick immer in Bewegung bleiben. Die Wahrnehmung weit halten. In dem Moment, wenn man permananten Tunnelblick entwickelt, wird man verletzlich. Splatter Vision. Die Zukunft entsteht an den Rändern. Eine der größten Herausforderungen in allen Innovations- und Zukunftsworkshops und –projekten. Das Unbekannte, Ungewöhnliche mit ins Spiel bringen. Fringe und Edges. Ron Anderson bringt dafür ein super und mich persönlich ansprechendes Beispiel. In den 20er Jahren wollte ein 15 jähriger Junge dass seine Gitarre lauter ist. Vielleicht wollte er andere Alpha-Jungens übertönen, egal. Jedenfalls probierte er so einiges aus, nichts funktionierte. Bis er schließlich einfach entnervt die Nadel seines Plattenspielers an die Stahlsaiten der Gitarre hielt und damit den ersten Prototyp der E-Gitarre herstellte. Und deshalb steht jetzt, 80 Jahre später hier bei mir eine wunderschöne schwarze Les Paul E-Gitarre, leider zu selten gespielt. Les Paul war übrigens der Name des Jungen. Hätte jetzt damals so ein Trendpapst, Rock’n Roll, Ritchie Blackmore und "Deutschland sucht den Superstar" vorausgesagt? Natürlich nicht. Aber die E-Gitarre erzeugte die Zukunft und wenn man die Bewegung erkannte, war man dabei. Und so, wie Anderson sagt, sitzen wir hier und schauen gebannt auf aktuelle Probleme und die aktuell angesagten Lösungen und Heilsbringer. Und irgendwo sitzt ein 15 jähriger Junge in einem Raum und spielt mit dem was unsere Zukunft sein wird.
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